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Scheimpflug war gestern, Olympus Focus Bracketing ist heute

Viele Jahre waren Großformatkameras wie z.B. eine Sinar F2 die einzige Möglichkeit um bei Produktaufnahmen durchgehende Schärfe vom Vorder-bis zum Hintergrund eines Motivs zu realisieren. Dabei wurde die Kamera nach dem Scheimpflug-Prinzip verstellt, indem man Objektebene, Objektivebene und Filmebene durch Verschwenktechnik an der Fachkamera so eingestellt hat, dass sich alle 3 Ebenen in einem (gedachten) Punkt schneiden (siehe Bild 1).

Verstellung einer Fachkamera nach dem Scheimpflug-Prinzip

Erfunden wurde dieses Prinzip übrigens von einem Österreicher, dem Hauptmann und Kartograph Theodor Scheimpflug (1865 – 1911).

Es gibt natürlich auch digitale Fachkameras, die diese Art der Verschwenkung ermöglichen, jedoch sind diese aufgrund ihres Preises in der Regel Profifotografen vorbehalten.

Will man nun mit einer digitalen Spiegelreflexkamera oder digitalen Systemkamera ähnliche Fotos machen, so behilft man sich heute mit der Aufnahme von vielen Einzelbildern mit unterschiedlichen Fokuseinstellungen, scannt sozusagen das Motiv ab und nimmt dabei immer nur ein kleines Teilstück auf, das scharf ist und setzt diese Bilder danach in Photoshop oder z.B. Helikon Focus, Zerene Stacker, oder ähnlichen Programmen zu einem einzigen Bild zusammen, wobei die Software jeweils nur die im Fokus liegenden Bildanteile der Einzelbilder nimmt und diese zu einem Gesamtbild mit durchgehender Schärfe zusammensetzt.

Dabei werden in der Regel Makro-Einstellschlitten verwendet, die eine schrittweise Verlagerung der Schärfeebene via Zahnstangentrieb ermöglichen, oder man verstellt umständlich und entsprechend ungenau die Schärfe am Objektiv selbst ein. Dieser Prozess ist einerseits nicht ganz einfach und dazu noch relativ ungenau. Damit die Sache automatisch abläuft, gibt es auch spezielle Apparaturen, die einen automatischen Vortrieb des Makroschlittens ermöglichen und die Kamera auch gleich auslösen um den Stack zu fotografieren. Fazit: Alle dieser Möglichkeiten brauchen relativ viel Zeit, sind zudem ungenau und wenn man es automatisieren will, verhältnismäßig teuer.

Nun hat Olympus die Idee aufgegriffen und wieder einmal etwas getan, auf das andere Hersteller längst kommen hätten können. Olympus hat nämlich der neuen OM-D E-M10 Mark II eine FOCUS BRACKETING Funktion spendiert, die es ermöglicht mit einem Druck auf den Auslöser den kompletten Stack vollautomatisch aufzunehmen. Dabei kann man als Fotograf auswählen, wie viele Fotos die Kamera machen soll und wie groß die Schrittweite bei der Fokusverstellung sein soll. Man stellt anschließend manuell auf den Nahpunkt scharf und startet die Aufnahme mittels Druck auf den Auslöser. Die E-M10 Mark II fährt dann den Stack vollautomatisch und erschütterungsfrei (elektronischer Verschluss) von vorne bis hinten durch und legt die Einzelfotos auf der SD-Karte ab. Natürlich kann man diese Aufnahmen auch im RAW-Format machen. Je nach Anzahl der Aufnahmen und eingestellter Schrittweite dauert so ein Stack ein paar Sekunden, kann aber auch weit längere Zeit benötigen, denn man kann bis zu 999 Aufnahmen an der Kamera einstellen und diese mit einer sehr engen Schrittweite beim Fokus kombinieren.

Ich war gestern auf dem Olympus Playground in Wien und habe die Funktion zum ersten mal an der neuen E-M10 Mark II ausprobiert und muss sagen, ich bin schwerstens begeistert. Die Arbeit, die einem die Kamera abnimmt, ist nicht zu unterschätzen und man benötigt außer einem stabilen Stativ kein Zusatzequipment! So nach dem Motto „Scheimpflug on the go“ hat man in Null Komma Nix den Stack im Kasten und setzt ihn dann zu Hause in aller Ruhe zusammen. Diese Methode eröffnet Möglichkeiten, die es bisher einfach nicht gab. Olympus war wieder einmal der erste Hersteller, der diese Funktion auf den Markt bringt und wieder einmal die Messlatte für die anderen Hersteller höher setzt.

Frank Rückert, ein von mir sehr geschätzter Olympus Fotograf und Makrospezialist aus Deutschland, schafft es mit der E-M10 Mark II sogar, Fokus Stacks teilweise aus der Hand aufzunehmen, da die Kamera ja jetzt auch den extrem effektiven 5-Achsen-Stabilisator der größeren Schwestermodelle E-M1 und E-M5 Mark II bekommen hat. Bilder von Frank sehen zum Beispiel so aus:

 

Foto: © Frank Rückert | Kamera: Olympus E-M10 Mark II

 

Nachdem ich noch keine E-M10 Mark II habe und noch warten möchte, bis ich diese Funktion auch in meiner E-M1 nutzen kann (ja, Olympus schaut auf seine Kunden und bringt Ende November 2015 ein kostenloses Firmwareupdate für die E-M1 und E-M5 Mark II heraus), habe ich gestern beim Olympus Playground meinen ersten Stack fotografiert.

Hier der Schärfebereich der einzelnen Bilder bei 40mm und Blende 5,6 anhand eines Fotos aus der Stackserie:

 

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

 

Danach habe ich die 13 aufgenommenen Fotos in Photoshop gestackt und das Ergebnis kann sich sehen lassen:

 

 

Nachdem ich mir dachte, dass der/die Eine oder Andere sich vielleicht die Originalfotos ansehen möchte, stelle ich diese auf meiner Dropbox zum Downlaod zur Verfügung.

Eines noch zum Abschluss! Die Fotos wurden im JPG-Format fotografiert, da Lightroom und Capture One mit den RAWs aus der E-M10 Mark II noch nichts anfangen können. Das Update wird aber ganz sicher nicht lange auf sich warten lassen. Die Kamera war auf mittlere JPG-Kompression eingestellt (LN), da ich in der Aufregung 🙂 vergessen habe, LF oder LSF einzustellen. Die Schrittweite bei der Fokusverstellung hätte ich noch optimieren müssen, da im Ergebnis kleine Fehler zu sehen sind. Das liegt aber einzig und alleine an den zu großen Fokusschritten. Leider hatte ich keine Zeit mehr, die Serie mit kleineren Fokusschritten noch einmal zu fotografieren. Aber für den ersten Wurf muss ich sagen, dass das Ergebnis überzeugt. Mit steigender Erfahrung sind hervorragende Ergebnisse möglich.

Feedback ist natürlich wie immer erwünscht!

Gut Licht und volle Akkus wünscht
Karl Grabherr

9 Kommentare
  1. Koch, Jürgen
    Koch, Jürgen says:

    Hallo Karl ,
    sehr interessant dein Beitrag…. und gefährlich wegen „auch haben wollen“!

    Da es offensichtlich für die E-M5 KEIN solches Firmwareupdate geben wird bleibt nur der Weg über eine neue Kamera.

    Gruss Jürgen

  2. Christian Fürst
    Christian Fürst says:

    Hallo Karl,
    ich denke auch, dass Olympus hier sehr viele Olympus-Fotografen zu Experimenten verlocken wird. Das sind großartig kreative Leute. Dein Beispiel hat mich auch durchaus überzeugt. Warten wir also bis November. Sicher wird sich die technik auch in der bildmäßigen Fotografie einsetzen lassen und ungeahnte Schärfezonen zulassen (wenn man erst einmal weiß, wie es geht)

    liebe Grüße
    Christian Fürst

  3. karlgrabherr
    karlgrabherr says:

    Hallo Jürgen, Hallo Christian,

    danke für Eure Beiträge! Was mir an Olympus so gut gefällt, ist die Tatsache, dass Innovationen in der Kameratechnik seit das E-System mit der E-1 seinen Einstand gefeiert hat, in den meisten Fällen eben von Olympus gekommen sind. Ich beobachte das jetzt seit Anbeginn und muss jedes Mal schmunzeln. „Yesss, wieder hat Olympus etwas, was die anderen nicht haben“. Sofort wird dann in diversen Foren heftigst über Sinn und Unsinn diskutiert, das ganze für lächerlich erklärt (man denke nur an die Sensorreinigung in der E-1 und an die E-330, die als erste Spiegelreflex auf dem Markt ein schwenkbares Display und Live View hatte,…) und über kurz oder lang wird genau diese anscheinend so unsinnige Funktion in Kameras anderer Hersteller übernommen und als Meilenstein in der Kameratechnik präsentiert.

    Man kann durchaus sagen, dass Olympus in den letzten 12 Jahren DER Innovationsmotor in der Kameraindustrie war und weiterhin ist. Umso mehr freue ich mich, dass ich damals auf’s richtige Pferd gesetzt habe und nicht zähneknirschend zugeben muss, dass mein System langsam aber doch zum sterben verurteilt ist.

    Man darf weiterhin gespannt sein, was da noch alles kommt. Ich freue mich darauf!

    LG Karl

  4. rudibenz
    rudibenz says:

    Hallo Karl,
    danke Dir für den interessanten Beitrag. Da kommt doch beim Gedanken an das FW-Update für die E-M1 Freude auf.
    Gruß aus der Eifel
    Rudi Benz

  5. karlgrabherr
    karlgrabherr says:

    Hallo Rudi,

    ja, ich freue mich auch schon auf das Firmwareupdate. Wir können dann auch lautlos fotografieren, was meine Brautpaare sehr freuen wird und einen großen Vorteil gegenüber den Mitbewerbern mit den großen Vollformat DSLRs hat. Ich bin schon einige Male gefragt worden, ob meine Kamera in der Kirche laut sein würde und es hat schon Kollegen gegeben, die wegen Ihrer Kamera die Zeremonie verlassen mussten. Die E-M1 ist ja recht leise, aber wenn es auch lautlos geht, ist das einfach super.

    LG Karl

  6. Angela Janssen
    Angela Janssen says:

    Hallo Karl,
    danke Dir für den interssanten Beitrag. Auf pen and tel habe ich schon einiges gelesen und bin sehr gesopannt auf das update. Auch freu ich mich auf den lautlos Modus, für die wildlife Fotografie auch nicht uninterssant.
    Mein Umstieg von Canon zu Olympus war ein guter Schritt zur rechten Zeit.
    LG ANgela

  7. Thomas
    Thomas says:

    Hi Karl!
    Inzwischen ist das Update für die E-M1 schon da und auch auf meiner Kamera. Da ich eine gewisse Vorliebe für Makro habe, musste ich das neue Feature natürlich gleich mal ausprobieren.
    Mit einem Still einer Obstschale mit Mandarinen war ich nicht sehr erfolgreich. Da hat Photoshop nicht unbedingt die korrekten Bereiche beim Stacking gefunden, aber vielleicht waren es einfach nur zu wenige Fotos. Mit einem „einfacheren“ Motiv mit hohen Kontrasten hat es dann auf Anhieb geklappt. Das Ergebnis ist wirklich spannend, werde das Thema sicher noch vertiefen.
    Gebe dir auch Recht dass Olympus mit den OM-Ds eine verdammt guten Job macht. Habe meine erst seit knapp einem Jahr, würde aber gegen keien andere tauschen wollen!
    LG
    Thomas

  8. Kurt Erkinger
    Kurt Erkinger says:

    Hallo Karl!
    Ich bin im Besitz einer E-M10II. Habe Das Focusbracketing ausprobiert, konnte aber bei den Einzelfotos keine unteschiedlichen Schärfefelder wahrnehmen. Ich hatte die Kamera auf Autofocus eingestellt. Liegt es daran? die sonstigen Einstellungen habe ich der Gebrauchsanleitung entnommen.
    Würde mich über eine Antwort freuen.
    LG Kurt

  9. karlgrabherr
    karlgrabherr says:

    Hallo Kurt,

    danke für Deinen Beitrag. Du musst die Kamera auf manuelle Fokussierung stellen (MF) und dann händisch auf den Nahpunkt einstellen, besser sogar etwas davor.

    LG Karl

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