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Bildbearbeitungstipp – ND Filtereffekt ohne ND Filter


Wie kann man ein Foto machen, bei dem einem die Wolken scheinbar um die Ohren fliegen, wenn man ein passendes Motiv entdeckt, aber leider keinen Graufilter (ND-Filter) dabei hat? Nun, mir ist das bei diesem Motiv genauso ergangen. Das Bild entstand 2015, als ich nach einem Olympus Workshop in Hamburg auf der Rückreise nach Wien auf der A7 in Deutschland unterwegs war und vor Hammelburg auf eine Umfahrung abgeleitet wurde, da auf der Autobahn ein Lastwagen Ladegut verloren hatte und die Autobahn deshalb für längere Zeit gesperrt werden musste.

Zuerst war ich ein wenig verärgert, da noch einige Stunden Autobahnfahrt vor mir lagen und ich nicht wusste, wieviel Zeit mich diese Umfahrung kosten würde. Aber als ich die Erdfunkstation in Hammelburg sah, war mir die Zeit plötzlich völlig gleichgültig. So ein Motiv kommt einem nicht so oft vor die Linse und ich wollte die Funkstation effektvoll mit verwischten Wolken fotografieren, um dem Bild eine gewisse Dramatik zu geben. Den Kontrast zwischen den riesigen, in den Himmel ragenden Parabolantennen und den rasenden Wolken wollte ich zeigen, nur leider hatte ich keinen ND Filter wie den LEE Superstopper oder Bigstopper dabei. Also musste ich mir anders behelfen, um den gleichen Effekt zu erzielen. Wie das geht, möchte ich hier kurz beschreiben.

Was braucht man dazu?

  • Ein stabiles Stativ – Manfrotto 058 mit Manfrotto 410 Junior Getriebeneiger (nachdem es in Hamburg um Produktfotografie ging, hatte ich diesen 10kg Brocken dabei)
  • Eine Digitalkamera, mit der man Intervallaufnahmen (Zeitrafferserien) nach Möglichkeit automatisiert fotografieren kann – z.B. Olympus E-M1 (die anderen OM-Ds und die Pen F können das aber auch). Falls die Kamera intern keine Intervallaufnahmen ermöglicht, kann man die Aufnahmen natürlich auch händisch per Kabelauslöser machen, oder man hat einen Kabelauslöser mit integriertem Intervalltimer zur Hand
  • Ein Superweitwinkel, damit man die Parabolantennen noch imposanter darstellen kann – z.B. MZuiko Pro 7-14mm f2.8
  • Wenn man im RAW-Modus fotografiert braucht man auch einen RAW Konverter – in meinem Fall Capture One Pro 10
  • Photoshop CC

Wie funktioniert’s?

  • Zuerst erstellt man eine Aufnahmeserie die aus ca. 25-50 Einzelaufnahmen besteht und mit einem Zeitintervall von 1 Sekunde fotografiert wird. Für einen möglichst fließenden Effekt (ohne Stufen) sollte man lieber mehr Aufnahmen machen als zu wenig.
  • RAW-Bearbeitung aller Fotos und Ausgabe als Tiff 8bit (16bit wäre zwar besser, aber dann tun sich die meisten Pcs schwer)
  • Dann werden alle Bilder in der Adobe Bridge markiert und über das Menü Werkzeuge – Photoshop der Menüpunkt „Dateien in Photoshop Ebenen laden…“ ausgewählt
  • Photoshop wird geöffnet und nach und nach werden alle Fotos des Stapels als einzelne Ebenen in eine neue Photoshopdatei geladen
  • Jetzt muss man alle Ebenen zusammen markieren und im Menü Filter den Menüpunkt „Für Smartfilter konvertieren“ auswählen.
  • Danach werden die zuvor ausgewählten Ebenen zu einem Smartobjekt konvertiert
  • Jetzt muss man nur noch Menü Ebene – Smartobjektive – Stapelmodus die Methode „Mittelwert“ ausgewählt werden
  • Nach einer kleinen Denkpause wird alles was sich zwischen den einzelnen Aufnahmen nicht bewegt hat (Parabolantennen, Landschaft), knackscharf dargestellt, die Wolken jedoch, die mit jeder Einzelaufnahme natürlich weitergezogen sind, werden wunderbar dynamisch verwischt dargestellt. Dabei kann es sein, dass Stufeneffekte auftreten. Dies kann vermieden oder ganz verhindert werden, wenn man genügend viele Aufnahmen gemacht hat. In meinem Fall waren es einfach zu wenige Aufnahmen.
  • Ein wenig Feintuning da und dort mit dem Weichzeichnungsfilter „Bewegungsunschärfe“ rundet sie Sache ab, lässt die Stufen in den Wolken verschwinden und das Foto sieht aus, als ob man es mit einem starken 1000x ND Filter fotografiert hätte

Wie man sehen kann, sind für den künstlichen ND Filtereffekt doch einige Schritte und Feinkorrekturen und vor allem Photoshop in der gr0ßen Version notwendig. Will man diesen Effekt möglichst einfach erzielen, so lohnt sich die Investition in gute ND Filter, wie z.B. das Filtersystem von LEE.  Und zuguterletzt sollte man die Filter dann auch mithaben, wenn man sie braucht 🙂

In diesem Sinne, viel Spaß beim Nachmachen wünscht
Euer Karl Grabherr